Hemmer und Meßner erzählen: Die Bostoner Melasseflut von 1919 - Spektrum der Wissenschaft

2021-11-26 03:28:40 By : Mr. Peter Lv

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Die Geschichte beginnt im September 1915. Im Bostoner Stadtteil North End wird ein Tank gebaut, der nach Fertigstellung fast neun Millionen Liter fassen wird. Die Zeit drängt, denn bereits Mitte Dezember erwarten die Bauherren die erste Lieferung des für den Tank vorgesehenen Inhalts: Melasse.

Der zähe Zuckersirup stammt aus Kuba und Puerto Rico und wird dringend benötigt. Nicht zu essen. Nein, die Firma Purity Distilling, die die Melasse bestellt hat, will daraus Alkohol herstellen. Und das wiederum nicht, um getrunken zu werden, sondern um die Rüstungsindustrie in den USA und ihre Verbündeten mit einem dringend benötigten Rohstoff zu versorgen. Denn auf der anderen Seite des Atlantiks herrscht Krieg.

Und tatsächlich gelingt es den Konstrukteuren, den Tank rechtzeitig für die Erstbefüllung fertig zu machen. Doch die Eile, in der es gebaut wurde, soll sich einige Jahre später rächen.

Bis dahin wird es ausgiebig genutzt. Sein Betreiber heißt jetzt United States Industrial Alcohol Company (USIA) und produziert auf Hochtouren. Bereits Anfang 1919 war absehbar, dass ein Verbot den Alkoholverkauf einbrechen ließ. Die Übergangsfrist von einem Jahr soll optimal genutzt werden. Die Bedenken der Statiker hinsichtlich der Stabilität des Tanks sind ebenso unbekannt wie das Ächzen und Ächzen, das der fünfstöckige Rundbau beim Befüllen auslöst.

Seine Lage ist strategisch gewählt: Das North End verfügt über einen Hafen, der zentral für die gesamte Stadt liegt. Dies war einst der Kern von Boston, während des amerikanischen Bürgerkriegs war der Hafen Dreh- und Angelpunkt, aber jetzt, im Jahr 1919, ist das North End eines der bevölkerungsreichsten Slums der Stadt.

Während bis in die 1880er Jahre irische Emigranten die Bevölkerung prägten, sind es nach dem Ersten Weltkrieg Menschen aus Italien, die sich ihren Wohnort mit den Gebäuden von Industrie und Schifffahrt teilen müssen. Kaum jemand interessiert sich für ihre Anliegen. Das nicht einmal einen Quadratkilometer große Areal wird komplett überbaut und die Bevölkerungsdichte wächst weiter. Und allein die fehlenden Sprachkenntnisse sorgen dafür, dass sich kaum jemand dieser prekären Lebenssituation entziehen kann.

Am 15. Januar 1919 schließlich erwies sich das Nebeneinander von Wohn- und Industriebauten als fatal.

Am Vortag traf eine weitere Lieferung Melasse ein. Über 2200 Kubikmeter wurden in knapp 24 Stunden in den Tank gefüllt. Jetzt ist er wie schon einige Male randvoll gefüllt.

Aber diesmal hält es nicht. Um 12.30 Uhr platzt der Tank und der gesamte Inhalt ergießt sich in einer fast neun Meter hohen Flutwelle über das North End. Durch den Druck der Explosion gelöste Nieten schießen wie Kugeln durch die Luft, Teile der zerschmetterten Stahlkonstruktion werden dutzende Meter weit geschleudert.

Die Flut reißt die umliegenden Gebäude einfach weg, ein Feuerwehrspritzenhaus wird vom Fundament gehoben und fast in den Hafen gespült. Die Melasse zerquetscht Lastwagen, Pferdegespanne und Autos. Gebäude, die der Welle widerstehen, verlieren ihre Fensterscheiben, Wände stürzen ein. Eine tödliche Mischung aus Melasse, Autowracks, Möbeln und Bierfässern ergießt sich jetzt über die angrenzende Commercial Street. In der Mitte verläuft eine Hochbahn. Die massiven Stahlstützen knicken ein, die Welle entgleist fast einen Wagen.

Vor allem werden Menschen unter der klebrigen Masse begraben. Matrosen von einem Kriegsschiff, der USS Nantucket, das im Hafen angedockt ist, sind die ersten, die ankommen. Sie versuchen verzweifelt, Menschen zu retten, aber die Rettungsarbeiten sind äußerst schwierig. Im Bereich des Bersttanks bildet die Melasse eine brusthohe Schicht, die in den Wohngebieten jedoch noch bis zur Taille reicht. Vor allem: Der Zuckersaft kühlt schnell ab und wird so zäh, dass sich die Eingeschlossenen nicht befreien und ersticken können. Selbst die Retter dringen nur sehr schwer in sie ein. 21 Menschen starben, mehr als 150 wurden verletzt.

Kurz nach dem Unfall beginnt die Suche nach einem Schuldigen. Die United States Industrial Alcohol Company versucht Anarchisten dafür verantwortlich zu machen. Im frühen 20. Jahrhundert war das in den Vereinigten Staaten keine so falsche Idee. Im selben Jahr werden Anhänger des italienischen Anarchisten Luigi Galleani mehrere Bomben zünden.

Die Ursache wird auch in der Presse heiß diskutiert. Experten wie der Staatschemiker Walter Wedger und der US-Sprengstoffinspektor Daniel O'Connell sind sich jedoch bald einig, dass ein Anschlag als sehr unwahrscheinlich angesehen werden kann. Dies wird auch im Zuge einer Sammelklage gegen die USIA bestätigt. Keine Bombe, sondern eine nachlässige Konstruktion des Panzers und die damit verbundene Überladung sind der Grund für den Unfall. Ungewöhnlich warmes Winterwetter, einsetzende Gärung und Gasbildung hatten den Innendruck zu stark erhöht.

Wie Stephen Puelo in seinem Buch "Dark Tide" erklärt, wurden während des fast sechsjährigen Prozesses 921 Zeugen befragt, und die Abschrift der Zeugenaussage umfasste 25.000 Seiten. 1925 wurde die USIA dazu verurteilt, den Überlebenden und Opfern des Unfalls Bargeld zu zahlen.

Heute befindet sich der Langone Park auf dem Gelände, wo am 15. Januar 1919 mehr als 20 Menschen ihr schreckliches Ende fanden. Manchmal soll der Duft der süßen Melasse mit dem Wind des Charles River über den Park wehen .

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